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Bleib in deiner Komfortzone! Basecamp und die Calm Company

Manchmal werde ich gefragt, wie ich meine ganzen verschiedenen Tätigkeiten unter einen Hut bekomme. Meine Antwort ist dann: Basecamp. Basecamp ist eine Projektmanagement-Software, die es in sich hat. In diese Software fließen alle meine Projekte – egal ob beruflich oder privat – ein und werden als interaktive Todo-Liste jeden Morgen um 9 Uhr wieder ausgegeben. Ich plane natürlich Wochen und Tage, aber was mich am nächsten Tag oder in der nächsten Woche erwartet, weiß ich nicht so genau –  vor allem am Abend, was ziemlich vorteilhaft für einen guten Schlaf ist.

Basecamp ist ein amerikanisches Unternehmen, das nur dieses eine Produkt gleichen Namens herausbringt. Hier soll es aber nicht um die Software gehen, sondern um das neueste Buch, das die beiden Unternehmenschefs – CEO Jason Fried und CTO David Heinemeier Hansson – herausgebracht haben: It doesn’t have to be crazy at work. In diesem Buch beschrieben Sie, wie sie ihr eigenes Unternehmen zu einer „Calm Company“ gemacht haben, also einem Unternehmen ohne lange Tage, Überstunden, Arbeiten am Abend und am Wochenende, Informationsüberflutung, Stress und … Meetings.

Ich fasse hier meine neun wichtigsten Erkenntnisse aus dem Buch zusammen und sage, was Gründer*innen für sich da rausholen können.

1. 40 Stunden sind genug, 30 sind perfekt

Gerade am Anfang eurer Selbstständigkeit wird man euch erzählen, das wäre harte Arbeit mit vielen Stunden am Tag und am Wochenende. Selbst und ständig. Das ist Blödsinn. In 40 Stunden schafft man eine Menge. Und 40 Stunden sind harte Arbeit. Ich bin sogar der Meinung, dass jede Stunde nach der achten Stunde am Tag ineffektiv und nicht sinnvoll ist. Das gilt umso mehr, wenn es am Anfang der Selbstständigkeit noch nicht so viel zu tun gibt, weil sich die Auftragslage ja erst entwickeln muss. Wenn es nichts zu tun gibt, gibt es nichts zu tun. Ich habe am Anfang meiner Selbstständigkeit immer den Fehler gemacht, Kaltakquise zu betreiben, wenn es nichts zu tun gab. Ich sah mich in der Pflicht, etwas zu tun, weil ja auch das Geld reinkommen muss. Aber das ist für beide Seiten ein unangenehmer Job, den man besser lassen sollte. Lest stattdessen, pflegt eure Netzwerke, macht Dinge, die euch Spaß machen.

Noch ein paar Dinge, die Gründer*innen immer wieder falsch machen:

Arbeitet nur, wenn ihr dafür bezahlt werdet. Viele füllen die fehlenden Aufträge mit gar nicht oder schlecht bezahlten Jobs. „Besser als nichts“ – nein, das schlechter als nichts. Macht das nicht. Ihr werdet als Dienstleister, die für nichts oder wenig Geld arbeiten, weiterempfohlen. Ihr werdet nicht ernst genommen. Wenn, dann macht das pro bono. Wenn ihr euch zum Beispiel als Webdesigner*innen selbstständig macht, bietet eure Arbeit pro bono für gemeinnützige Institutionen an und nicht für geizige Unternehmer*innen, die euch ausnutzen. Ihr erarbeitet euch Referenzen und Kontakte, tut was Gutes und sammelt Erfahrungen. Es ist aber glasklar, dass Unternehmen für euch gutes Geld zahlen müssen.

Ein weiterer Tipp: Rechnet alles ab – zweistündiges Meeting, abrechnen. Die Kundin ruft ständig an, abrechnen. Sie schreibt lange E-Mails mit komplizierten Anweisungen, abrechnen. Nehmt außerdem einen vernünftigen Stundensatz. Nur dann werdet ihr ernst genommen und gut bezahlt. Am Anfang lasst ihr vielleicht etwas Geld auf der Straße liegen, wenn Kund*innen das nicht mitmachen, aber glaubt mir, dass kommt schneller wieder rein als ihr denkt.

2. Bleib in deiner Komfortzone!

Ein Satz, den ich wirklich hasse, ist, „Komm raus aus deiner Komfortzone!“ Da sprechen mir die Autoren aus der Seele. Warum? Wenn ich nicht gerne zu Netzwerkveranstaltungen gehe, dann gehe da nicht hin. Das wird nicht funktionieren, die Leute merken, dass du dich nicht wohlfühlst. Dinge tun, die du nicht kannst oder willst? Wieso? Du wirst das nicht gut machen. Lerne lieber das, was du kannst und mache das, was du kannst, noch besser.

3. Arbeite wo du willst (wenn du die Möglichkeit dazu hast)

Wenn kleine Teams gründen, denken sie oft sofort an eigenes Büro. Doch das kostet nur Geld, und ein Büro bietet nicht unbedingt die beste Arbeitsatmosphäre. Arbeitet, wo ihr euch am wohlsten fühlt. Ich habe ein ruhiges Büro, wo ich meistens arbeite. Morgens und zum Feierabend beantworte ich E-Mails und plane meine Tage an einem kleinen Macbook in meiner Küche. Diesen Text schreibe ich auch gerade dort. Manchmal fliege ich aber auch in eine andere Stadt in unserer Zeitzone, miete mir dort ein Airbnb, und arbeite eine Woche mit reduzierter Stundenzahl. Meistens, wenn gerade nicht so viel los ist. Viele Einzelgründer*innen gehen auch gerne in Coworking-Spaces. Ist für mich nicht so cool, da ist es mir zu laut. Aber das muss jede*r selbst wissen. Arbeite wo du willst!

4. Sei immun gegen den Real-Time-Zwang

Also hier drin bin ich selber schlecht, und seit einem Jahr trainiere ich mir das reagieren in real-time ab. Die Vielzahl der verschiedenen Kommunikationstools machen sonst ein konzentriertes Arbeiten über Stunden meistens unmöglich. Ich selbst habe Facebook gelöscht, habe die Benachrichtigungen von What’s App und allen anderen Apps auf meinem iPhone abgestellt, dort alle E-Mail-Konten bis auf mein privates gelöscht, um mehr Ruhe in meinen Arbeitsalltag reinzubekommen. Da kann jede*r seinen eigenen Weg finden. Aber fühlt euch nicht verpflichtet, immer sofort zu antworten. Alles kann warten. Ihr bestimmt selbst, was gerade wichtig ist. Seid im Gegenzug nachsichtig, wenn jemand anderes mal ein paar Stunden oder sogar einen Tag braucht, um eure Fragen zu beantworten. Sie werden ihre Gründe haben.

5. Keine Gruppenchats, keine Gruppenchats, keine Gruppenchats

Die What’s-App-Gruppe hat ihren festen Anteil in der Arbeitswelt gefunden. Neben privaten 28-köpfigen Geschenkegruppen und solchem Quatsch prasseln den ganzen Tag Ablenkungen rein, die euch von wirklicher Arbeit abhalten. Und zack ist der Tag rum und ihr habt weder was geschafft noch Geld verdient. Lehnt das ab. Bittet eure Kunden, das nicht zu tun. Im Notfall kann man anrufen. Lehnt vor allen Dingen Sprachnachrichten ab. Sie sparen euren Kunden Zeit auf eure Kosten. Nutzt eine Software, in der ihr Themen in der Gruppe diskutieren könnt (ich nutze wie gesagt Basecamp, es gibt auch viele Alternativen). Kunden mögen das nicht immer, eine neue Software zu nutzen. Verpflichtet sie aber zur effektiven und zeitgemäßen Kommunikation.

6. Urlaub ist Urlaub

Was ihr sehr schnell merken werdet, wenn ihr eure Chefin los seid: einige Kund*innen sind noch viel schlimmer … Sie rufen euch zu allen möglichen Uhrzeiten an. Wenn ihr das zulasst, ist die Erholung dahin. „Fakecations“ nennen die Autoren das. Denen sind der Feierabend und der Urlaub egal. Wenn ihr in den Urlaub geht, schaltet alles ab. Löscht alle Kommunikations-Apps von eurem Telefon und macht wirklich Urlaub. Glaubt mir, ihr braucht das – gerade als Selbstständige. Wenn ihr gerne öfter mal kürzer verreist, empfehle ich, „Workations“ zu machen (siehe Punkt 3). Blöder Name, aber macht klar, was gemeint ist. Macht dann aber die Rahmenbedingungen klar und reduziert eure Arbeitszeit. Bei Selbstständigen kostet der Urlaub ja immer doppelt so viel, weil ja kein Lohn in dieser Zeit bezahlt wird. „Workations“ sind ein guter Kompromiss. Aber einmal im Jahr sollte mindestens drei Wochen Ruhe sein.

7. Setzt realistische Deadlines und haltet euch daran

Dieser Punkt wirkt zuerst etwas gegensätzlich im Buch, weil es meistens darum geht, sein Leben nicht durch die Arbeit bestimmen zu lassen: Haltet euch an Deadlines – an eure eigenen und an die eurer Kund*innen. Was auch immer geschieht. Denn wenn ihr das nicht tut, werdet ihr schnell die Kontrolle über eure Arbeit verlieren. Klar werdet ihr sagen, das ist doch selbstverständlich, aber tatsächlich ist das Verschieben von Deadlines die am häufigsten verwendete Lösung, wenn die Zeit knapp wird. Setzt stattdessen die Deadlines realistisch und ganz wichtig, lasst es während des Projektes nicht zu, dass der Arbeitsaufwand signifikant erhöht wird. Ich mache immer eine Liste mit zusätzlichen Ideen, die im Projekt aufkommen und mache aus diesen Ideen ein neues, nachfolgendes Projekt. Das hat auch den Vorteil, dass die zusätzliche Arbeit bezahlt wird. Lasst euch auch nicht auf Deadlines wie „so schnell wie möglich“ ein. Wenn die Kundin keine Deadline geben will, gebt ihr eine.

8. Macht Kompromisse in der Qualität – gut genug ist gut genug

Ja genau. Viele Kunden, aber auch Unternehmer sagen, wir machen keine Kompromisse in der Qualität. Fried und Heinemeier Hansson sagen das Gegenteil. Wenn etwas gut genug ist, dann reicht das. Seid so gut, wie es in der gegebenen Zeit, budgetgerecht und mit vernünftigem Aufwand möglich ist. Schaut lieber, dass euer Werk fertig und brauchbar ist. Es geht immer besser. Ihr müsst nicht 110% geben (geht auch gar nicht), 80% reichen.

9. Drei ist die perfekte Anzahl für ein Team

Auch wenn ihr Einzelgründer seid, ihr arbeitet meistens im Team. Die perfekte Größe ist drei, sagen die beiden Autoren, und auch ich kann das bestätigen. Ab vier Teammitgliedern braucht man einen Teamleiter und fünf Menschen ist keine gute Größe für ein Team – es wird unbeweglich. Wenn ihr mehr Menschen seid, macht lieber zwei Zweierteams, statt ein Vierer, lieber ein Zweier- und ein Dreierteam statt fünf. Teilt besser die Arbeit in die Teams auf. So spart ihr euch eine Führungsstruktur, die nur kostet und Ärger sowie langwierige Diskussionen bringt. Bei Basecamp hat immer der Designer den Lead über das Projekt, weil das inhaltlich Sinn ergibt. Ich arbeite auch oft in einem Dreierteam und habe früher immer den Lead selbst übernommen. Jetzt aber ich begonnen, in Projekten immer Leads zu vergeben. Technisches Projekt, Programmierer hat den Lead, Designprojekt, Designerin hat den Lead, Marketingprojekt, ich habe den Lead. Das spart eine Menge Zeit ein, auch wenn ich manchmal nicht mehr genau weiß, was die anderen machen. Aber die wissen’s.

Fazit: Bringt Ruhe in eure Selbstständigkeit

Sicherlich gibt es immer wieder Situationen, wo es Stress gibt, wo man länger arbeiten muss, wo es „crazy“ wird. Aber das sollte die absolute Ausnahme bleiben. Und sicherlich habt ihr alle auch eure eigene Arbeitswelt, wo einige Dinge, die ich aus dem Buch abgeleitet habe, nicht passen. Aber ich hoffe, ihr könnt für eure Gründung hier einige Tipps entnehmen. Wenn ihr Fragen habt, eigene Erkenntnisse habt, Tipps braucht oder habt meldet euch bei mir oder schreibt einen Kommentar.

Mach was du willst und du musst nie wieder arbeiten.

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